Archiv für den Tag: Samstag, 27UTCSat, 27 Aug 2016 06:18:52 +0000 27. August 2016

La Tuque

Irgendwie war ich noch nicht richtig im Reisemodus, wie ich am nächsten Morgen merkte. Ich fand nämlich nichts in meinem Rucksack. Normalerweise habe ich irgendwann eine gewisse "Ordnung" und weiß, in welchem compression bag oder in welcher Seitentasche meines Rucksacks bestimmte Sachen sind. Aber anscheinend fand ich noch nicht den richtigen "Flow". Außerdem stellte ich mittlerweile fest, dass mir mein Schatz neben sehr vielen nützlichen Dingen auch so manches nicht brauchbare Teil eingepackt hatte. Ich fragte mich jedenfalls, wo er wohl glaubte, dass ich meine Dirndlbluse und eine weitere schicke Bluse brauchen würde. Dafür verzichtete er klugerweise auf zu viel Gepäck und packte mir nur zwei T-Shirts ein. Optimistischer Weise ließ er auch meine Regenjacke getrost im Schrank hängen. Aber wie bereits gesagt, war ich sehr froh gewesen, dass er das Packen für mich übernommen hatte, weshalb ich das alles nur mit einem Schmunzeln registrierte und mich schon aufs Shoppen freute ;-)...immerhin hatte ich nun einen triftigen Grund! Nach einem leckeren Frühstück mit Spiegeleiern, Toast und Würstchen waren wir wieder "back on track". breakfast Heute ging es nach La Tuque. Merkwürdigerweise fand unser Navi die genaue Zieladresse unserer Unterkunft nicht, was uns ein wenig stutzig machte. Wir gaben nur den Ort ein und tuckerten auf einer herrlichen Route entlang von Flüssen und Seen und mit einigen Foto-Stopps gemütlich Richtung La Tuque. Die Strecke war 225 km lang und wir brauchten etwa 4,5 Stunden. Als wir nachmittags in La Tuque ankamen, merkten wir schnell, dass wir wohl in der hintersten Region Quebecs gelandet waren. Hier konnte nämlich keiner mehr Englisch sprechen. Es war unglaublich. Michael fand an einer Tankstelle glücklicherweise einen Mann, der uns als einziger auf Englisch den Weg erklären konnte. Das Quebecois dieser Region verstanden wir einfach nicht mehr, da der Akzent hier ganz anders klang als in Quebec und Montreal. Gemäß der Erklärung sollten wir ca. 8 km geradeaus fahren, dann links abbiegen, dann nochmal 13 km fahren und dann würden wir unseren Club Odanak, wie unsere Unterkunft hieß, schon finden. Also machten wir uns auf den beschriebenen Weg, fuhren aber natürlich aufgrund der ungenauen Kilometerangabe und unserer verpeilten Art, Schilder nicht genau zu lesen, erstmal an der einzigen Abbiegung weit und breit vorbei und noch einige Kilometer in die falsche Richtung, bevor wir umkehrten und dann endlich die richtige Abbiegung und dort auch das Hinweisschild auf den Club Odanak fanden. Super, das war geschafft. Nun nur noch 13 km und wir wären endlich da. Nach kurzer Zeit kamen wir von einer befestigten Straße auf eine Schotterpiste ("dirt road"). Pickups und große Trucks donnerten mit einem Affenzahn an uns vorbei und hinterließen jedes Mal eine riesige Staubwolke, die uns so einnebelte, dass wir nichts mehr sehen konnten. dirt road Allerdings schienen wir uns wohl noch auf einer öffentlichen Straße zu befinden. Soweit so gut. Ein Geländewagen oder ein Pickup wäre hier allerdings die bessere Wahl gewesen. So zuckten wir bei jedem Schlagloch und den Steinen, die an unser Auto prasselten, zusammen und fuhren recht unentspannt weiter durch den Wald, durch den die "Straße" führte. Unser armer Mietwagen und unser armer Geldbeutel, dachten wir, falls wir die ganzen Kratzer bezahlen müssten. Als wir uns gerade fragten, ob wir hier wirklich richtig waren, kam eine Abbiegung mit einem winzig kleinen Schild "Club Odanak". Ein Glück, dass gerade kein Truck vorbei gefahren war, sonst hätten wir die Abbiegung vor lauter Staub glatt verpasst. Unser kleiner Nissan musste nun einen wirklich steilen, sandigen und mit noch größeren Schlaglöchern übersäten Berg, einige steilere Passagen und viele Kurven bewältigen, bevor der Wald nach weiteren 4 Kilometern plötzlich den Blick auf einen herrlichen, von Tannen umringten einsamen See freigab, vor dem ein großes Holzhaus stand. Es war ein wunderschöner Anblick und wir freuten uns riesig, dass wir an einem so schönen Ort gelandet waren, wo wir die nächsten zwei Tage in absoluter Abgeschiedenheit und Ruhe verbringen würden! Es war traumhaft! Genauso hatten wir uns unseren Urlaub in Kanada gewünscht - viel Sonne, Natur und Ruhe! Kurz nachdem wir eingecheckt hatten, starteten wir unsere Erkundungstour, wobei es glücklicherweise nicht viel zu erkunden gab. Der "Club" bestand aus einem etwas größeren Haupthaus, in dem sich unser Zimmer mit Blick auf den See (Hurra!!!), eine kleine Bar und ein kleines, einfaches Restaurant befanden. Überhaupt war alles sehr einfach ausgestattet und eingerichtet, die Zimmer hatten keinen Fernseher und es gab kein Netz - es war einfach nur herrlich und wir vermissten überhaupt nichts!!! Ansonsten gab es noch vier weitere kleinere Holzhäuser mit Zimmern und Appartements. Direkt am See war ein größerer Holzsteg und auf dem See befand sich eine kleine Badeinsel aus Holz. Am Steg fanden wir Kanus und Kayaks, in einem weiteren kleinen Nebenhaus die dazugehörigen Paddel und Schwimmwesten. Natürlich starteten wir sofort eine Kanutour mit Stechpaddeln. Wir stiegen in das Kanu ein, ich versuchte uns vom Steg wegzudrücken, lehnte mich zur Seite - und wir lagen nach zwei Sekunden im Wasser. Super Start....aber leider kenne ich mich nur mit Segelbooten aus, die glücklicherweise nicht so schnell kentern. So ein blödes Kanu! Also zweiter Versuch. Kanu umdrehen, Wasser ausschütten, einsteigen, NICHT bewegen und ganz vorsichtig vom Steg wegpaddeln! Dieses Mal funktionierte es und wir paddelten langsam, aber ziemlich verkrampft, da sich keiner mehr zu bewegen traute, über den See und genossen die Natur und das herrliche Wetter. Es war weit und breit nichts zu hören, bis auf ein Knacken und Rascheln in den Büschen und Bäumen am Ufer. Diese Stille war unglaublich!! Anfangs beobachteten wir noch etwas ängstlich das Ufer, ob ein Bär oder ein Wolf auftauchte, aber irgendwann entspannten wir uns. Wir verbrachten den ganzen restlichen Nachmittag am See, genossen die Ruhe und konnten es kaum fassen, dass wir an diesem wunderschönen Ort gelandet waren. Der Sonnenuntergang war herrlich und wir konnten nicht mehr aufhören, zu schwärmen und zu fotografieren. Den Sonnenuntergang haben wir wohl ziemlich sekundengenau abfotografiert ;-)! sundown Abends aßen wir dann unseren ersten Elch. moose Der Geschmack des Fleisches erinnerte uns ein wenig an Rind und Wildschwein. Es war sehr lecker und wir hatten einen sehr lustigen Abend! Einige Biere später lagen wir im Bett und freuten uns auf den nächsten Tag! Am nächsten Tag wanderten wir ein wenig um den See und nahmen danach den Bootssteg für uns in Beschlag. wanderung Außer faul in der Sonne zu liegen und zwischendurch mit dem Kayak nach Biebern Ausschau zu halten, machten wir rein gar nichts! Abends lernten wir auf der Terrasse zwei 70jährige Männer kennen, die aus der Region Quebec kamen und gemeinsam auf ihren ATVs (all terrain vehicles, bestehend aus einem Quad und einem offenen quadähnlichen Buggy) unterwegs waren. guys Michel Schmitt (rechts), so hieß einer von beiden, war als Kind von Frankfreich mit seiner Familie nach Kanada ausgewandert und ein erfolgreicher Motocrossrennfahrer gewesen. Sein Geld verdiente er immer noch mit dem Lackieren bzw. Airbrushing von Motorrädern. Sein Freund war einmal Lehrer für Robotics gewesen und nun pensioniert. Beide erzählten uns von ihren wahnsinnigen Touren, die sie regelmäßig gemeinsam oder auch mal getrennt unternahmen. Jedes Jahr fahren sie im Sommer mehrere tausend Kilometer über dirt roads und Waldwege querfeldein bis zu einem bestimmten Ziel, wobei sie immer Stopps an herrlichen Plätzen wie diesem hier einlegen. Wir konnten kaum glauben, dass ein 70jähriger zwei Wochen oder mehr jeden Tag von morgens bis abends auf einem Quad sitzend durch die Wälder Kanadas heizt. Was für eine enorme Belastung! Aber die beiden hatten einfach nur Spaß daran und genossen ihren Trip sichtlich. Michels Freund empfahl uns außerdem eine mehrwöchige Tour im Winter mit einem Snowmobil bis nach Labrador. Er hatte so schon 5.000 km in sechs Wochen zurückgelegt. Überhaupt besaß wohl fast jeder Kanadier auf dem Land ein Snowmobil, da dies im Winter auf dem Land das beste und populärste Fortbewegungsmittel sei und es wohl mehr Routen für Snowmobile als ausgebaute Straßen in Kanada gibt. An den Straßen stehen auch tatsächlich sehr oft Schilder, die auf die Gefahr eines die Straße kreuzenden Snowmobils hinweisen. Wir hatten einen lustigen Abend mit den "Jungs" und glücklicherweise in Englisch. Einzig die Ankunft und Abfahrt unserer Jungs mit ihren ATVs sorgten für etwas Lärm, den wir jedoch gerne im Gegenzug für die interessanten Geschichten in Kauf nahmen. Als wir am nächsten Morgen Richtung Montreal aufbrachen, waren wir ein wenig traurig, dass wir den Club Odanak schon verlassen mussten. Am liebsten hätten wir hier eine ganze Woche verbracht. Aber schließlich warteten noch weitere schöne Stationen auf uns...